Sehr geehrter Herr Professor Spranger,

 

 

 

Ich begrüße Sie zum Interview mit Zwischen Männlich.

 

Zu aller erst möchte ich mich dafür bedanken, dass Sie sich bereit erklärt haben dieses
Interview zu führen.


 

Herr Dr. Spranger, Sie sind Neurologe in einer Gemeinschaftspraxis für Neurologie und Psychiatrie in Bremen.
Mir scheint, was ich so höre, Sie haben einen guten Ruf.
Worüber ich mich natürlich sehr freue.
Ich kenne Sie jetzt seit Anfang 2018.
Ich erinnere mich noch gut, als Sie mir die Diagnose MS mitgeteilt haben.
Vielleicht können Sie den Lesern von Zwischen-Männlich auch erzählen, was Sie Patienten am Anfang der Diagnose Multiple Sklerose mit auf dem Weg geben möchten.

 

 

Viele Patienten reagieren geschockt, wenn sie erstmalig ihre Diagnose Multiple Sklerose hören. Sie haben die schwierigen Verläufe mit gravierenden Einschränkungen und Behinderungen bis zum Rollstuhl vor Augen. Auch wenn sie selbst vielleicht nur ein Kribbeln in der Hand verspüren. Ich versuche den Patienten im Erstgespräch klarzumachen, dass es sehr viele verschiedene und häufig gutartige Verläufe mit nur sehr wenigen Einschränkungen geben kann und dass Symptome, sollten sie dann doch auftreten, mittlerweile gut behandelt werden können. Diese vielen Informationen können meist nicht beim Erstgespräch aufgenommen werden, sodass ich in der Regel rasch folgende weitere Termine anbiete, um neu aufgetretene Fragen beantworten zu können.

 

 

Wir wissen ja, dass die MS relativ unerforscht ist. Man weiß nicht woher sie kommt und wie man sie heilt. Die Wissenschaft tappt immer noch im Dunkeln.
Ab und zu gibt es mal eine neue Vermutung, mal eine neue Forschung oder ein neues Medikament, welches zugelassen wurde.  Ist MS wirklich eine so unergründliche
Erkrankung?

 

 

In den letzten 20 Jahren hat man viel über die Multiple Sklerose gelernt, aber es stimmt, ganz wesentliche Fragen sind noch nicht beantwortet. Dies betrifft die Ursache, die wahrscheinlich vielfältig ist, genauso wie die Prozesse, die zu einer Schädigung der Nervenzellen und ihrer Funktionen führen. Immer wenn viele Faktoren beteiligt sind, wird es schwierig. Wahrscheinlich spielen genetische Faktoren ebenso eine Rolle wie noch unbekannte Umweltfaktoren oder Infektionen. Auch die Frage, warum der Verlauf so unterschiedlich ist, ist noch nicht geklärt. Wir werden in den nächsten Jahren weiter viel über Ursache und Krankheitsprozesse lernen und wahrscheinlich irgendwann zu der Erkenntnis kommen, dass es sich um verschiedene Erkrankungen handelt.

 

 

Ich von Zwischen Männlich möchte Sie fragen, ob Sie eine Erklärung dafür haben, warum bei der zumeist auftretenden MS-Form (RRMS - schubförmig remittierende MS) mehr Frauen als Männer betroffen sind?

 

 

Hier spielen wieder die Gene und die Hormone eine große Rolle. Wahrscheinlich schützt das Testosteron die Nervenzellen. Außerdem scheinen Frauen eine andere genetische Ausstattung zu haben, die es den schädigenden weißen Blutkörperchen eher ermöglichen, aus dem Blut in das Gehirn zu gelangen. Auf der anderen Seite erkranken Männer häufig schwerwiegender als Frauen. Auch hierfür gibt es noch keine gute Erklärung.

 

 

Ich beschäftige mich viel mit dem Thema der Unterschiede der MS zwischen Männern und Frauen. Können Sie uns aufklären, ob es überhaupt Unterschiede gibt?
 

 

 Auch hier spielen die Hormone eine Rolle. Wahrscheinlich das Hormon Progesteron, welches in der Schwangerschaft vermehrt gebildet wird. Es führt zu einer Stärkung eines Teils des Immunsystems, es werden mehr sogenannte regulatorische T-Zellen gebildet, die dazu führen, dass die zerstörerischen Anteile des Immunsystems besser unter Kontrolle gehalten werden können.

 

 

Gibt es Verhaltensweisen eines Betroffenen, die schlecht für den Verlauf der Erkrankung sind?

 

 

 In der Tat gibt es ganz gute wissenschaftliche Hinweise darauf, dass vermehrter Nikotin- und auch Kochsalzkonsum mit einer schlechteren Prognose und einem schlechteren Verlauf der Erkrankung einhergehen. Stress im Beruf ist schwer zu messen, aber eine chronische Unzufriedenheit und subjektive Überlastung sind sicherlich nicht förderlich. Dies betrifft allerdings nicht spezifisch die Multiple Sklerose, sondern das ganze Leben. Eine ausgeglichene, ballaststoffreiche Ernährung, ein gutes Körpergefühl und insbesondere sportliche Betätigungen sind zweifelsfrei mit einem besserem Verlauf der Erkrankung assoziiert.

 

 

Die Leser von Zwischen Männlich kennen die drei Formen der MS:
RRMS, PPMS und SPMS. (<- LINK zur Erklährung)
Können Sie uns erklären warum der eine Patient die schubförmige remittierende MS (
RRMS) und der andere die seltenere primär progrediente MS (PPMS) Form bekommt?

 

 

Warum der eine Patient eine schubförmige und der andere eine chronisch primär chronisch progrediente MS Verlaufsform bekommt, ist leider noch unbekannt.

 

 

Was kann der MS Patient außer Sport, gesunde Ernährung und Entspannung darüber hinaus noch alles unternehmen um möglichst gesund zu leben?

 

 

Ich glaube, wenn ein MS Patient, oder jeder andere Mensch die 3 genannten Verhaltensweisen beherzigen, ist schon viel erreicht.

 

 

Sie wissen ja, wie ich mit dem Thema Medikamente umgehe bzw. umgegangen bin. Ich habe da einen Satz gelesen – „Der Arzt behandelt, die Natur heilt.“
Können wir Ihre Meinung dazu hören?

 

 

Der zitierte Satz ist vollkommen richtig. Das, was die Ärzte tun können, ist die Natur daran zu unterstützen, den Körper selbst zu heilen. Dies betrifft insbesondere autoimmunologische Erkrankungen wie die MS. Insofern sind die oben genannten Verhaltensweisen eminent wichtig. Wie bei jeder Erkrankung, für die die Schulmedizin keine eindeutige Heilung anbieten kann, gibt es viele alternativ-medizinische Behandlungsvorschläge. Dagegen ist primär einmal nichts einzuwenden, solange es sich es sich dabei nicht um schädigende Eingriffe handelt. Ich habe daher als Schulmediziner keine Berührungsängste mit den alternativmedizinischen Methoden, die ich zugegebenermaßen nicht im Detail kenne. Ich rate den Patienten dann immer möglichst genau und objektiv zu messen, ob die jeweilige Behandlungsmethode erfolgreich ist oder nicht.

 

 

In der Zeit in der ich an Multiple Sklerose erkrankt bin, habe ich viele Menschen kennengelernt, die ebenfalls betroffen sind. Es ist quasi so, dass man sagen kann, in jedem Bekanntenkreis gibt es einen der betroffen ist. Sei es über vier/fünf Ecken oder der übernächste Nachbar in der Familie.
Dazu möchte ich Ihnen gerne diese Frage stellen:

 

Laut offiziellen Aussagen erkranken immer mehr Menschen an MS. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung bei MS?

 

 

Da wir noch immer nicht wissen, was genau zur Entstehung der multiplen Sklerose führt, kann man hier viel spekulieren: epi-genetische Veränderungen oder Umweltfaktoren, möglicherweise auch eine verbesserte Diagnostik.

 

 

Kleine Nebenfrage: In wieweit vereinfacht die Digitalisierung Ihren Beruf?

 

 

Ich bin mir nicht sicher, ob die Digitalisierung den Beruf vereinfacht. Letztendlich ist das Entscheidende immer noch mein Wissen und das Gespräch mit dem Patienten. Beides ist nicht digitalisierbar. Da die Dokumentationspflichten aber zugenommen haben ist der Computer schon hilfreich. Auch um schnell an neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu kommen, hilft das Internet.

 

 

Gibt es aber nicht auch Momente, wo Sie es leid sind, immer wieder von den Patienten zu hören, „Herr Dr…, ich habe im Internet dieses und jenes gelesen, vielleicht können Sie auf diesen Link auch mal bitte schauen?“
Ich stell mir das sehr schwer vor. Was sagen Sie dazu?

 

 

Ich halte sehr viel von einem aufgeklärten, wissenden Patienten. Letztendlich kennt er/sie sich und seine/ihre Erkrankung am allerbesten. Ich arbeite sehr viel lieber mit informierten Patienten, da sie dadurch meist mehr Verständnis und Akzeptanz für meine Behandlungsvorschläge haben. Wenn der Patient oder die Patientin sich vorinformiert hat, kann ich viel leichter mit ihm oder ihr die für sie oder Ihn richtige Behandlungsstrategie erarbeiten. Das Problem mit dem Internet ist, dass die dort verfügbaren Informationen gewichtet werden müssen. Beschrieben werden meist die spektakulären, schlimmen Verläufe. Wenn jemand eine MS hat, aber keine Symptome und es ihm/ihr gut geht, wird er/sie dies nicht im Internet verbreiten. Hier sehe ich dann meine Aufgabe darin, das Bild zu vervollständigen.

 

 

Klischees was man so mitbekommt, dass Pharmakonzerne die Ärzte mit möglichen Geschenken bestechen. Ist das noch ein Thema oder durch Gerichtsurteilen, gesetzlicher Regelungen, Sparmaßnahmen bei der Pharma nicht mehr aktuell?
Können Sie uns hierzu etwas sagen?

 

 

Früher gab es in der Tat opulente Geschenke und Einladungen. Dies weiß ich allerdings auch nur aus Erzählungen. Mittlerweile gibt es das zum Glück nicht mehr.

 

 

Stress macht krank. Gerade bei uns MS betroffenen ist Stress eine sehr negative Eigenschaft.
Da möchte ich Sie einfach mal fragen …
Wie stressig ist Ihr Beruf als Neurologe?

 

 

Stress ist ein schwieriger Begriff. Viele Menschen verstehen darunter, dass alles zu viel ist und sie überfordert sind. Stress kann aber auch durch Unterforderung entstehen oder durch eine falsche Anforderung, durch und sensible Vorgesetzte oder missgünstige Kollegen. Wenn ich mit meinem Beruf nicht glücklich bin, kann ich so wenig arbeiten wie ich möchte und bin trotzdem gestresst. Bei mir gibt es sicherlich Tage, an denen mir die Arbeit über den Kopf wächst, oder wenn mir Patientenschicksale zu nahekommen oder ich Patienten nicht helfen kann. Selten ärgere ich mich auch über Patienten. Aber prinzipiell kriege ich soviel positive Rückmeldung. Gerade jetzt in Coronazeiten tut es gut, wenn ich vom Patienten höre, ich möge gesund bleiben.

 

 

Was machen Sie als Ausgleich zu Ihrem Beruf?

 

 

Ich fahre gerne lange Strecken auf dem Rad. Es ist für mich wie Meditation, ich kann alles andere vergessen, konzentriere mich auf meine Oberschenkel und die Gegend, durch die ich fahre.

 

 

Welchen Tipp haben Sie generell für uns, wie wir mit unklaren Situationen umgehen können? Damit meine ich zum Beispiel die Frage…
Ist das jetzt ein Schub oder nicht?

 

 

Die Frage, ob es sich um einen neuen Schub handelt oder nicht ist in der Tat schwierig. Häufig ist es “nur“ eine vermehrte Wahrnehmung eines Symptoms, das aber vorbestehend ist. Es muss sich nicht immer eine neue entzündliche Aktivität dahinter verbergen. Deswegen rate ich den Patienten immer, sich eine neue Symptomatik für einige Tage anzuschauen, meist geht sie von alleine wieder weg, wenn nicht, sollte sich der behandelnde Neurologe das einmal anschauen.

 

 

Bei meiner letzten Frage, würde ich gerne wissen wollen, was sie den Angehörigen, sei es bei einer neuen MS Diagnose oder generell mit auf dem Weg geben?

 

 

Letztendlich erzähle ich den Angehörigen genau das gleiche wie den Patienten beim ersten Kennenlernen, dass es erstens verschiedene, auch gutartige Verläufe gibt, und dass wir mittlerweile gute Medikamente zur Behandlung der weniger guten Verläufe haben.

 

 

 

 

Herr Professor Spranger ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben.

 

 

 

 

Das Interview stammt vom 02.06.2020

 

Das ganze Interview gibt es auch als PDF zum Downloaden...

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